Hausgeburt aus der Sicht der Hebammenschülerin

Hausgeburt im Elsass – Ein Geburtsbericht aus Sicht einer studierenden Hebamme

Mein erster Tag im Geburtshaus TagMond war zu Ende gegangen. 10 Wochen minus ein Tag lagen vor mir, müde und ohne Vorahnung ging ich ins Bett. Um 01:47 schreckte mich der Klingelton meines Handys aus dem Schlaf. Bernadette war am anderen Ende der Leitung und sagte mir, dass bei einer Frau, die zurzeit ihr drittes Kind erwartet und eine Hausgeburt geplant hat, nun die Wehen begonnen haben. «Ich hole dich in 15min. beim Geburtshaus ab», meinte Bernadette. Ich war von einer Sekunde auf die andere hellwach. Hastig zog ich mich an, schwang mich auf mein Fahrrad und radelte durch die leeren Gassen von Pratteln zum Geburtshaus. Kurz darauf, hörte ich auch schon Bernadette’s Auto heranfahren. Gemeinsam fuhren wir über die Schweizer Grenze ins Elsass. Dort am Rande des kleinen Dorfes stand ein grosses Haus. Um uns herum war es stockdunkel und wir erkannten nicht recht, wo wir gelandet waren. Beladen mit dem Hebammenkoffer und allen Materialien betraten wir das Haus, wo das junge Paar bereits auf uns wartete. Mit viel Liebe hatten Adeline* und Nicolas* das Wohnzimmer zu ihrem eigenen persönlichen Gebärzimmer umgestaltet. Kerzen brannten, das Licht war gedimmt und im Hintergrund lief Musik. 

Von Anfang an wirkte Adeline sehr ruhig und bei sich. Nicolas hingegen musste sich zunächst sichtlich an die aussergewöhnliche Situation gewöhnen. Er liess sich seine Nervosität jedoch nur durch leicht unruhiges Herumtigern anmerken. 

Als Bernadette gegen 03:00 das erste Mal untersuchte, tastete sie den Muttermund bei 4cm und konnte dadurch den Beginn der Eröffnungsperiode feststellen. Dann begannen das grosse Warten und stille Beobachten. Eindrücklich veratmete Adeline jede Wehe, die im Abstand von 5min. kamen und gingen. Sie war ganz bei sich, schloss während den Wehen konzentriert die Augen und entspannte sich sichtlich, wenn der Schmerz wieder nachliess. 

Bald schon stieg sie in das vorbereitete Planschbecken, das zur Gebärwanne ummodelliert worden war. Mit beeindruckender Ausdauer liess sie Wehe für Wehe über sich ergehen, bewegte sich im Wasser so, wie der Körper es ihr sagte. Sie strahlte dabei eine tiefe Ruhe aus. Nicolas entspannte sich mit der Zeit sichtlich und meinte plötzlich verschmitzt «bei so einer Geburt fühlt man sich ja fast wie zu Hause». Er unterstützte Adeline in dem er sie in den wohlverdienten Wehenpausen sanft massierte. Die beiden schienen so eingespielt, dass Bernadette und ich uns in den frühen Morgenstunden gegen 05:30 für eine Kaffeepause in die Küche zurückzogen. Aus dem Küchenfenster heraus konnten wir in der Morgendämmerung nun endlich erkennen, wo wir gelandet waren. Weite, stille Felder des Elsass taten sich vor unseren Augen auf. In der Ferne sah man das Nachbarsdorf mit einem spitzen typischen Kirchturm in der Mitte. 

Mit dieser Aussicht genossen wir dankbar unseren warmen Wachmacher. So verstrich die Zeit. Immer wieder überwachten wir die Herztöne des Kleinen.Gegen 09:00 veränderten sich die Wehen, wurden stärker und kamen in kürzeren Abständen. Bernadette bestärkte Adeline dabei, die Positionen nach ihrem Wohlbefinden zu wechseln und gab gleichzeitig wertvolle für den Geburtsvorgang förderliche Tipps. 

Gegen 09:30 platzte die Fruchtblase zeitgerecht, die bis dahin ihren wertvollen Job des Vordehnens getan hatte. Mit einem Mal nahm der Druck und der Schmerz für Adeline sichtlich zu. Nicolas wich nicht von ihrer Seite. Es ging dem Endspurt zu, der nochmals alle Kraft von Adeline forderte. Und auch diesen meisterte sie mit der Unterstützung ihres Partners und der erfahrenen Hebamme grandios. 

Nach 2 starken Presswehen war der grosse Moment da. Um 09:44 erblickte Simon, kerngesund das Licht der Welt. Eine Wassergeburt im eigenen Wohnzimmer. 

Überwältigt und überglücklich schlossen die jungen Eltern ihren kleinen Schatz in die Arme. 

Die Plazenta folgte wenige Minuten danach. Es war geschafft. Mama, Papa und Kind waren wohlauf. 

Sprachlos und mit einer tiefen Freude durfte ich staunend dabei zu sehen, wie das Wunder von neuem Leben auf diese Welt kam und liebevoll empfangen wurde. 

Simon wog stolze 4450g und war 56cm lang. Nach dem ersten erfolgreichen Stillen bei Mama und ausgiebigem Bonding mit Papa, schlief der Kleine zufrieden ein. Auch für die Eltern begann nun die Zeit sich von den Strapazen und der Anstrengung der letzten Stunden zu erholen. Nach den letzten unauffälligen Kontrollen war es Zeit für Bernadette und mich uns von der Familie zu verabschieden. Müde aber mit einem zufriedenen Lächeln stiegen wir ins Auto und traten die Rückreise an, auf welcher wir die Szenen dieser besonderen Nacht noch einmal Revue passieren liessen. 

 

Hebamme in Ausbildung

Helena Stähli

 

*Namen geändert. 

 

Liestalerstrasse 21
4133 Pratteln

 
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